Habe Mut

Unter dem Leitwort „Habe Mut, steh‘ auf!“ fand in Würzburg der 104. Katholikentag statt. Medialen Kommentaren und anderweitigen Bekundungen zufolge war es ein ausgesprochen „politisches“ Ereignis. – Wer sich freilich an die Seligpreisungen der Bergpredigt erinnert, weiß, dass die Nachfolge Jesu immer eine soziale und eminent politische Bedeutung hat. Das griechische Wort „polis“ bedeutet „Gemeinschaft der Menschen“. Menschliche Existenz ist von sich her politisch. Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist Politik pur.

Manche haben das „Steh‘ auf!“ im Sinn von Aufstand und Protest gedeutet. Das hat z.B. der Bundeskanzler zu spüren bekommen, als seine Anwesenheit auf einem Podium mit Trillerpfeifen und Buhrufen bedacht wurde. So wurde der Besuch auf dem Katholikentag eine von Intoleranz geprägte Fortsetzung dessen, was der Regierungschef bereits Tage zuvor auf dem deutschen Gewerkschaftskongress hinnehmen musste.

„Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ lautete die Mut-machende Weisung des Philosophen Immanuel Kant. Er griff damit jenes „sapere aude“ des römischen Dichters Horaz auf: „Wage es, weise zu sein!“. „Sapere“ heißt wörtlich übersetzt „schmecken“: Wage den Genuss des Denkens. – Bei der Firmung wird den Christen mit der Anrufung „Gib ihnen die Gabe der Weisheit und des Verstandes“ die ganz besondere Kraft des Geistes und der Unterscheidung erbeten. „Bewahre uns vor Verwirrung“ heißt es in der Eucharistiefeier nach dem Vater unser-Gebet.

Im Christentum wurden und werden Glaube und Verstand stets als gleichwertige Begabungen des Menschen angesehen. Deswegen sind jene Regungen und Entscheidungen „aus dem Bauch heraus“ stets dem Nachdenken und der intellektuellen Anstrengung der einzelnen Person zugeordnet. Man kann dies auch „Verantwortung“ und „Gewissen“ nennen. Aus der Menge heraus zu protestieren und „Aufstand“ zu machen, verlangt keinen Mut. Diesen Mut wird – wenn es dann nicht schon zu spät ist – die Gesellschaft brauchen, wenn einmal Andere die Macht in unserem Land übernehmen. Es ist nicht erfreulich, wenn sich in Würzburg Erinnerungen an Weimar einstellen.

Heute ist viel von der „künstlichen Intelligenz“ die Rede. Auch dieser Begriff wurde wieder aus dem US-Englischen übernommen: „artificial intelligence“. Dass die so genannten „social media“ meist alles andere als das sind, was in der deutschen Sprache unter „sozial“ verstanden wird, sollte demnach auch im Blick auf das „intelligence“ vorsichtig machen. Das lateinische „intelligere“ meint die Fähigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen und gewissermaßen „zwischen den Zeilen zu lesen“. Im Gegensatz dazu ist die künstliche Intelligenz das hochkomplexe und fast nicht mehr zu überbietende Ergebnis von programmierten Algorithmen, die aus vorhandenen gewaltigen Datenbanken Resultate erzeugen, die der Wissenskapazität des einzelnen menschlichen Gehirns weit überlegen sind. All das reicht jedoch nicht an jene Intuition und Weisheit heran, den „Geschmack“ der tiefen Einsicht und reifen Erfahrung, die aus Verstand und Reflexion hervorgehen.

So gesehen sollte das „Habe Mut, stehe auf!“ nicht als Aufruf zu publikumswirksamem Aktivismus verstanden werden. Ganz zu schweigen von dem Umstand, dass beim Evangelisten Markus (nur er überliefert die besagte Aufforderung an den blinden Bartimäus, Mk. 10,49) ein „Er ruft Dich!“ folgt. Christliche Ermutigung ist stets einem vorausgehenden Anruf Jesu verpflichtet. Will sagen: das „Steh‘ auf!“ muss Maß nehmen an den Worten und Weisungen Jesu: wenn es nicht zur bloßen Revolte oder trotzigem „Dagegenhalten“ verkommen soll.

Was Not tut ist die Demut der geduldigen Reflexion und des Gebets. Jene, die in verirrten Situationen der Geschichte, auch in der Kirche, zu wirklichen Helfern und Rettern wurden, haben als heilende „Heilige“ ihre Zeitgenossen an die Wahrheiten des Evangeliums erinnert. Darin ist jetzt auch Papst Leo ein Vorbild, der in der Auseinandersetzung mit dem Machthaber in seiner Heimat nicht einfach „zurückgeballert“, sondern in Geduld und Weisheit jene unverbrüchlichen Menschenrechte ins Feld geführt hat, die aus dem Geist der biblischen Überlieferung hervorgehen. Wer den richtigen Kompass hat, braucht sich nicht von geistlos-aggressiven Parolen beirren lassen.

Von der Demut ist die Rede. Sie gehört zu jedem wirklich humanen Dialog, auch und gerade in der Verschiedenheit von Ansichten und Überzeugungen. Es könnte ja auch so sein, dass auch mein Gegenüber mehr Recht hat, womöglich mehr als ich. Große Wissenschaftler haben angesichts bahnbrechender Erkenntnisse und Entdeckungen stets innegehalten und sich auf die Gegenprobe ihrer Theorie eingelassen: es könnte ja auch ganz anders sein. Darin bestehen Intelligenz und Weisheit: sie sollten einem nur reflexhaften „Steh‘ auf“ vorausgehen und widerstehen.

Ein Beispiel: Im Freiburger Münster – und nicht nur dort – kann man mit geübtem Blick feststellen, dass manche baulichen Konstruktionen nicht ganz passen. Man könnte deswegen vermuten, dass die Handwerker hier und da ein wenig „geschummelt“ hätten, um etwaige Fehler unter der Hand zu korrigieren. Glaubwürdige Überlieferungen hingegen bezeugen, dass diese vermeintlichen „Unstimmigkeiten“ ganz bewusst in die Werkstücke eingebaut wurden. „Weil nur Gott perfekt ist“, haben Architekten und Bauleute von einem durchaus möglichen tadellosen Kunstwerk Abstand genommen und so absichtlich nicht einem Perfektionismus gehuldigt. „Soli Deo gloria – Gott allein gebührt die Ehre!“

Habe Mut, sei besonnen! Es könnte sein, dass unsere hektische und zum Aktionismus neigende Zeit in den herausfordernden Bedrängnissen der Gegenwart unmerklich jene Menschlichkeit verliert, die aus der Meditation und dem demütigen Gebet erwächst. Daran zu erinnern mag nicht unbedingt ein Rezept für parlamentarische Prozesse sein. Aber wenn wir die Demokratie bewahren wollen, müssen wir wie Bartimäus jegliche Blindheit oder Verblendung hinter uns lassen und an der menschlichen Bildung, Vernunft und Weisheit der Einzelnen ansetzen. Je früher, desto besser.

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